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Nordbayerische Nachrichten - 09.05.2007
Juden dachten: „So schlimm wird es schon nicht kommen“

Schriftsteller Klaus Gasseleder stellte in der Ermreuther Synagoge seinen dokumentarischen Roman ,Zwei Gesichter’ vor



Wechsel von Musik und Literatur: Lorenz Schmidt (li.) spielte in den Lesepausen von Schriftsteller Klaus Gasseleder auf seiner Gitarre.
Foto: Riedel


Der Erlanger Schriftsteller Klaus Gasseleder hat in seinem dokumentarischen Roman „Zwei Gesichter“, der 2005 erschienen ist, das Porträt einer jüdischen Familie aus Franken nachgezeichnet. Geschildert werden Erinnerungen eines Familienangehörigen an dessen Kindheit, Erlebnisse in Bad Kissingen. Bei einer Lesung in der Synagoge in Ermreuth — gemeinsam mit dem Schweinfurter Gitarristen Lorenz Schmidt — stellte der Autor seine Familienchronik vor.
ERMREUTH — Der Roman erzählt von den Verfolgungen und Deportationen zu dieser Zeit. Auch der Familienvater wird in Theresienstadt ermordet. Beklemmend: Viele Betroffene hatten sich in Sicherheit gewogen. Denn entweder hatten sie im Ersten Weltkrieg gekämpft oder waren in der evangelisch-lutherischen Kirche getauft worden. Damit, so glaubten sie, hätten sie ihre Zugehörigkeit und Verbundenheit zur deutschen Nation unter Beweis gestellt.
Es geht auch um Aufzeichnungen von Überlebenden des Holocausts, um Einblicke in alte Dokumente und die geschichtlich verbrieften Ereignisse, etwa den Marsch auf die Feldherrenhalle, den Tag der Machtergreifung, die Nürnberger Rassegesetze oder die Bücherverbrennung.
Viele Verwandte und Freunde der Familie wanderten aus. Die Mutter stirbt gerade noch „rechtzeitig“, um vor der Deportation verschont zu bleiben, während das Familienoberhaupt sich im Schutze des Alters sicher fühlt. „So schlimm wird’s schon nicht kommen“ — das glaubten damals viele.
Bis die „Mainfränkische Post“, die regionale Tageszeitung im unterfränkischen Raum, 1942 stolz vermeldete, wie in vielen andern Regionen auch, dass Bad Kissingen nunmehr „judenfrei“ sei. In seinem Epilog führt der Romanautor zurück „in die Jahre danach“ und stellt fest, dass die Überlebenden ein „zweites Gesicht“ erhalten hätten.
Obwohl die stimmlichen Voraussetzungen des Autors die Trostlosigkeit und Verzweiflung, die Unsicherheiten und Ahnungen nur sehr schwer wiedergeben können, erzeugt er bei den größtenteils unbedarften Zuhörern atemlose Stille und Betroffenheit. Gitarrist Lorenz Schmidt unternimmt dabei den Versuch, die Ereignisse und Stimmungen, die Ängste und Beklemmungen musikalisch auszudrücken.

Düstere Farben
Für den Zuhörer erschließt sich nicht immer ein nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen Wort und Musik, vor allen Dingen dann nicht,
Matiz
wenn die Tonmalerei auch in düsteren Farben zu ausschweifend und schwelgerisch wirkt. Gerade deshalb soll nicht verschwiegen werden, dass Schmidt sein Instrument meisterlich beherrscht. Doch die durch nichts erklärbare und unentschuldbare Verfolgung eines Volkes ist eben auch musikalisch kaum auszudrücken.
ROLF RIEDEL