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Erlanger Nachrichten - 05.07.2007
Musik zähmt Worte

Martina Switalski in der Ermreuther Synagoge



Martina Switalski (Mitte) mit Gerhard Burger und Sandra Ruß.
Foto: Riedel


Für eine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte dürfte es in der Region kaum einen besseren Veranstaltungsort als die Synagoge in Ermreuth geben. Martina Switalski bot dort einen lyrisch-musikalischen Abend mit Gedichten von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.
Die Lebenswege der beiden Schriftsteller haben sich sogar einmal für kurze Zeit gekreuzt. Beide verbindet ein Faible für intellektuelle, lyrische, aber auch abstrakte Gedankenwelten die in symbolhafte, eigenwillige Bilderwelten münden. Beide zeichnet eine hohe sprachliche Präzision und Wortgewalt aus, die nicht immer als harmonisch empfunden wird. Darüber hinaus verbindet beide die Mitgliedschaft in der „Gruppe 47“.
„Dunkles zu sagen“ überschreibt Martina Switalski ihr Programm, nach dem gleichnamigen Gedicht von Ingeborg Bachmann. Schon der Beginn „Wie Orpheus spiel ich auf den Saiten des Lebens den Tod“ lässt Düsterheit erkennen und Martina Switalski trifft mit ihrem Stil die Vorgabe punktgenau. Die beabsichtigte Wirkung auf die Zuhörer bleibt nicht aus.

Trauer des Ostjudentums
Nahezu nahtlos der Übergang in die musikalische Form: Die Klarinette von Gerhard Burger setzt zuerst leise, aber dann umso eindringlicher ein, das chassidische „Ele chamda libi“ (Dies ist was mein Herz begehrt: Erbarme Dich doch und verbirg Dich nicht) nimmt das Akkordeon der zierlichen Sandra Ruß auf und zusammen fallen sie in die Traurigkeit der osteuropäischen Schtetl-Musik.
Die geradezu pathetische Lyrik des Paul Celan findet ihren Widerhall in „Corona“, was wiederum gefolgt von Klarinette und Akkordeon im klassischen Klezmer-Stil seine Vollendung findet. Celans „Todesfuge“, die den Mord an den europäischen Juden in einem Todeslager beschreibt und in die Anklage „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ mündet, gibt Martina Switalski ausreichend Gelegenheit ihre schauspielerischen, dramatischen und lyrischen Qualitäten zu demonstrieren.
Das traditionelle chassidische Lied „Schabbes, Schabbes“ stellt die Überleitung zum Höhepunkt her: Multitalent Switalski zitiert, deklamiert, singt nicht nur Ingeborg Bachmann, mit Texten aus dem preisgekrönten Lyrikband „Die gestundete Zeit“ wird sie selbst zur Schöpferin dieser Wortgewalt, indem sie einfach in die Rolle schlüpft. Dazu nützt sie die gesamte Synagoge als Bühne, sie wandert zur Empore hoch und lässt von dort oben eine Wortkaskade auf die erstarrten Zuhörer herunterprasseln.

In die Realität zurück
Der nahezu unerträgliche Spannungsbogen wird erst wieder von den Musikern aufgelöst, als diese mit dem traditionellen „Jutchen, Jutchen“ in die Realität zurückführen. Mit „Böhmen liegt am Meer“ von Ingeborg Bachmann gelingt ein versöhnlicher Ausklang der schließlich noch in ein musikalisches Finale mündet.
Die vielseitige Martina Switalski hat Schauspiel in Köln studiert, kann auf ein Studium in Geschichte, Germanistik, Indologie und Ethnologie in Köln und Erlangen-Nürnberg verweisen. Seit 1996 leitet sie eine Kulturagentur, hat in Volkskunde an der Universität Augsburg 2004 promoviert und das Staatsexamen in Geschichte und Deutsch an der Universität Erlangen- Nürnberg abgelegt.
Weil sie eine echte „Müllerstochter“ ist, hat sie eine Dissertation über Landmüller und Industrialisierung abgeliefert, die sich mit der Sozialgeschichte fränkischer Mühlen befasst. Sie lebt jetzt in Eckental und unterrichtet in Nürnberg. Den vielen Applaus, den die begeisterten Zuhörer spendeten, haben sie und ihre musikalischen Mitstreiter sich ehrlich verdient. ROLF RIEDEL